Authentizität

Das Ich wird Ich erst am Du

Von Monique Zimmermann, Senior Consultant /

«Werde, der du bist», dieser Satz Pindars aus den Pythischen Oden, den Nietzsche immer wieder zitierte, ist gleichzeitig die Aufgabe, für die nur wir Verantwortung übernehmen können, wie auch unsere Freiheit im Leben. Es wirkt, als gebe es unendlich viele Möglichkeiten und trotzdem, oder genau deswegen kommt immer wieder die Frage auf, ob ich so lebe, wie es mir entspricht. Wie finde ich das also heraus?

In der existentiellen Psychologie sprechen wir vom authentischen Selbst. Hier stellt sich die Frage nach dem: Darf ich so sein, wie ich bin? Das Selbstbild ergibt sich bzw. entsteht aus der Innensicht, aus Identifikationen und aus der Aussensicht.

Das «Sosein-Dürfen» ist ein existenzielles Grundthema. Wenn wir in uns das Gefühl tragen «Ich darf so sein, wie ich bin» so eröffnet das einen inneren Raum. Fehlt dieser Raum, entsteht das «Problem der Maske» und das Bedürfnis, sich zu verstellen. Doch aufgrund wovon lässt sich sagen: «Das bin ich»? Dies lässt sich auf der Basis eines Gefühls der Stimmigkeit sagen.

Wie fühlt sich ein Gefühl der Stimmigkeit an? Wie kann ich zu mir selbst finden?

Vollzogen ist die Authentizität, wenn ich mich auf mich besinne, Stimmigkeit erlebe und wenn ich mein Handeln in der Welt mit mir abstimme. Was bedeutet das? Das Echte ist keine fixe Grösse, sondern die Kraft und die Fähigkeit, mich mit dem Aussen in Abstimmung zu bringen, darin ein Gefühl von Stimmigkeit zu finden und den Mut zu haben, mich auf diese Stimmigkeit zu beziehen und aus ihr heraus zu leben.

Um sich zu finden, braucht es zweierlei: Fühlung zu sich aufnehmen und Stellung beziehen. Dies geschieht durch einen inneren Dialog, «Empfinde ich, dass es so richtig ist?»

So gehören zur Definition von Authentizität folgende Elemente:

  • Das Finden des eigenen Wesens durch Bezugnahme auf die innere Stimmigkeit
  • Das Sichzu-sich-selbst-Stellen: Das entspricht mir – das will ich. Ohne diesen Schritt ist auch der erste nicht viel wert. Wie gut ist erlebte Stimmigkeit, wenn ich nicht zu dem stehen kann oder will, was ich da gespürt habe?

Die existenzielle Herangehensweise an den Begriff ist ein tiefer, mit mir selber in Beziehung tretender Prozess. Der Begriff der Authentizität greift aber noch weiter. Viktor Frankl sagt zum Beispiel: Das Ich wird Ich erst am Du.

Das eigentliche Ich zu leben bedeutet also nicht die rigorose Selbstverwirklichung. Sondern vielmehr eine Selbsterfahrung, die im Kontakt mit anderen Menschen entsteht und durch Interaktion wachsen kann.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Abgleich mit Ihrem Umfeld gemacht? In Interaktionen zugelassen, noch mehr von sich zu erfahren? Achten Sie das nächste Mal, wenn Sie etwas an Ihrem Gegenüber stört, darauf, was dieser Aspekt mit Ihnen zu tun haben könnte.

Authentizität heisst also nicht nur: Ich, ich,.., sondern es ist eben das Ich, was ich am Du und am Wir entdecke. Der Mensch ist ein Beziehungswesen.

Und warum ist es das Ziel, ein authentisches Leben zu führen? Es macht uns gesünder, glücklicher und ist eine Grundvoraussetzung für gute Beziehungen.

Forschungen von Johannes Zimmermann zeigen, dass Menschen, die in ihren Aussagen vermehrt in der ersten Person Singular(«Ich») sprechen, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, an Depressionen zu erkranken, als Personen, die in der ersten Person Plural(«Wir») sprechen. Es ist ein kleines Indiz dafür, dass wir sowohl in Beziehungen zufriedener sind und auch genau das der Ort sein kann, uns selbst zu erkennen.

Lassen Sie also Beziehungen als Quelle der Begegnung mit sich selber zu. Lernen Sie sich weiterhin am Wir, am Du, an Ihren Gegenübern kennen.

Wir wünschen Ihnen viel Freude an authentischen Begegnungen und Momenten,

Ihr Manres-Team

Quellen

(1) Bstan-ʼdzin-rgya-mtsho, Dalai Lama XIV & Tutu, D. (2016).The Book of Joy: Lasting Happiness in a Changing World. New York: Avery.

(2) Bürgi, D. & Längle, A. (2014). Existentielles Coaching: Theoretische Orientierung, Grundlagen und Praxis für Coaching, Organisationsberatung und Supervision. Wien: facultas.

(3) Meyer, L. (2019). Werden, wer ich bin. Psychologie Heute, 46. 16-25.