Beziehungen, Emotionen, Stimme

Augen zu und Ohren auf

Von Michèle Fichtner, Consultant /

Menschliche Säuglinge besitzen bereits kurz nach ihrer Geburt die Fähigkeit, einfache mimische Expressionen nachzuahmen und auf diese Weise eine Beziehung zu ihren „Schutzbeauftragten“ herzustellen (1). Der Mensch ist ein Beziehungswesen, denn Beziehungen gewähren Sicherheit und Schutz vor überlebenskritischen Bedrohungen (2).

Eine Voraussetzung, um Beziehungen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten stellt William Ickes (3) zufolge die „empathic accuracy“ (empathische Genauigkeit), dar. Dies ist die Fähigkeit, die Emotionen und Gedanken unseres Gegenübers zu erfassen. Wir könnten diese Fähigkeit auch als „everyday mind reading“ bezeichnen. Wie wichtig diese Kognitions- und Emotionserfassung für uns Menschen ist, wird deutlich, wenn wir überlegen, in welchen Situationen es hilfreich ist, unser Gegenüber bestmöglich einschätzen zu können.

Im Berufs- sowie im Privatleben werden die Vorteile hoher empathischer Genauigkeit spürbar. Je höher die empathische Genauigkeit ist, desto besser können Individuen mit Konflikten im Arbeitsumfeld umgehen (4), die Suche nach einem romantischen Partner fällt leichter (5) und soziale Netzwerke sowie politische Organisationen können wirkungsvoller beeinflusst und gesteuert werden (6). Besteht ein Mangel an empathischer Genauigkeit, geht dies oftmals mit psychologischen Störungen einher (7). Obwohl Individuen oftmals sehr bemüht sind, eine Beziehung mit anderen aufzubauen, erleben viele Personen Misserfolge, wenn es darum geht, ihr Gegenüber wirklich zu verstehen und eine Verbindung aufzubauen (8). Daher stellt sich die interessante Frage: Wie kann ich meine emotionale Genauigkeit steigern?

Die psychologische Forschung ist über Jahrzehnte hinweg davon ausgegangen, dass die Körpersprache unser zuverlässigster Informationslieferant bezüglich unseres Gegenübers ist. Neuste Forschung weist jedoch darauf hin, dass nicht die Körpersprache, sondern die Stimme, in verbaler (inhaltlicher) und para-verbaler Hinsicht (Dynamik, Stimmqualität, Höhe, Tempo, Lautstärke etc.), der aussagekräftigste Kanal ist. Um die Emotionen des Gegenübers möglichst akkurat einzuschätzen, lohnt es sich anscheinend eher hinzuhören als hinzuschauen.

Dies kann verschiedene Gründe haben. Evolutionsbedingt war unsere Körpersprache, also unser non-verbaler Kommunikationskanal, der erste Weg, über den wir vor Tausenden von Jahren kommuniziert haben. Dementsprechend viel Zeit hatte der Mensch wahrscheinlich, um zu lernen, wie dieser Kanal gesteuert, bewusst eingesetzt oder sogar manipuliert wird.  So sind beispielsweise die meisten von uns in der Lage, Unmut mit einem Lächeln zu überspielen. Während Mimik und Gestik relativ gut gesteuert werden können, offenbart die Stimme hingegen meist die wahre Befindlichkeit unseres Gegenübers (9). Starke Emotionen, wie beispielsweise Trauer, werden sich immer in der Stimme niederschlagen. Die Stimmmuskulatur besteht aus über 60 Muskeln, die für Laien nur schwer anzusteuern sind und über die zudem meist kein Bewusstsein besteht.

Was können wir alles aus einer Stimme raushören? Jeder kennt wahrscheinlich folgende Situation: Eine unbekannte Nummer ruft an. Sie nehmen ab und obwohl Sie die Person noch nie gesehen haben, haben sie ein relativ genaues Bild des Gesprächspartners im Kopf. Sie können nach dem Gespräch höchstwahrscheinlich das Geschlecht, das ungefähre Alter oder die Stimmung einschätzen. Darüber hinaus sind Sie wahrscheinlich in der Lage, eine Aussage über den gesundheitlichen Zustand des Anrufers sowie seine körperliche Kraft zu tätigen. Aaron Sell (9) und seine Kollegen von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara zeichneten weltweit verschiedene Stimmen auf und erfassten Indikatoren für die Oberkörperkraft, wie z.B. die Stärke des Handgriffes oder den Umfang des Bizepses. In einem Experiment mussten nun Studenten, auf Basis der Stimme, Angaben zu Kraft, Körpermasse und Körpergröße machen. Obwohl sie als Hinweis nur den verbalen und para-verbalen Kanal der Stimme hatten, gelang dies zuverlässig, die Stimme erwies sich als reliabler Informationslieferant. Mehr noch: Die empathische Genauigkeit ist am höchsten, wenn als Informationslieferant nur die Stimme zur Verfügung steht. Die Gefühlslage eines Mitmenschen lässt sich am besten durch bloßes Zuhören, ohne Beobachten der Mimik, einschätzen. Zu diesem Ergebnis kommt Michael Kraus von der amerikanischen Yale Universität im Fachmagazin „American Psychologist“ (9). Für seine Studie beobachteten Kraus und sein Team 1800 einander unbekannte Menschen in verschiedenen Gesprächssituationen, welche die Studie jeweils in einem dunklen oder beleuchteten Raum durchführten. Wenn die Probanden den Gesprächspartner nicht sahen, sondern nur hörten, war ihre empathische Genauigkeit am höchsten.

Das bedeutet: wenn sie das nächste Mal in einer emotional herausfordernden Situation sind, sei es beruflich oder privat, konzentrieren Sie sich darauf, was ihr Gegenüber sagt und vor allem, wie er oder sie es sagt. Auf diese Weise können Sie Ihre empathische Genauigkeit trainieren.

Wir wünschen Ihnen eine Woche mit vielen stimmigen Begegnungen

Ihr Manres-Team

(1) Fantz, R. L. (1963). Pattern vision in newborn infants. Science, 140(3564), 296-297.
(2) Bowlby, J. (1988). Developmental psychiatry comes of age. The American journal of psychiatry.
(3) Ickes, W. J. (Ed.). (1997). Empathic accuracy. Guilford Press.
(4) Cote, S., & Miners, C. T. (2006). Emotional intelligence, cognitive intelligence, and job erformance. Administrative Science Quarterly, 51(1), 1-28.
(5) Richards, J. M., Butler, E. A., & Gross, J. J. (2003). Emotion regulation in romantic relationships: The cognitive consequences of concealing feelings. Journal of Social and Personal Relationships, 20(5), 599-620.
(6) Mayer, J. D., Salovey, P., & Caruso, D. R. (2008). Emotional intelligence: New ability or eclectic traits? American psychologist, 63(6), 503.
(7) Sell, A., Bryant, G. A., Cosmides, L., Tooby, J., Sznycer, D., Von Rueden, C., & Gurven, M. (2010). Adaptations in humans for assessing physical strength from the voice. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 277(1699), 3509-3518.
(8) Hawkley, L. C., & Cacioppo, J. T. (2010). Loneliness matters: A theoretical and empirical review of consequences and mechanisms. Annals of behavioral medicine, 40(2), 218-227.
(9) Kraus, M. W. (2017). Voice-only communication enhances empathic accuracy. American Psychologist,72(7), 644.