Emotionale Intelligenz

Was wir von unseren Emotionen lernen können

Von Julia Reimann, Consultant /

Immer wieder hört man von der Emotionalen Intelligenz und ihrer Wichtigkeit für den beruflichen wie privaten Erfolg. Doch was bedeutet dieser Begriff wirklich? Und was können wir von unseren Emotionen lernen?

Plötzlich ist die Emotion da, scheinbar ohne unseren Einfluss und blitzschnell. Sie durchdröhnt uns, lässt uns keine Ruhe und fordert sich frech und mit Vehemenz Raum in unserem Inneren ein. Sei es Wut, die uns in Wallung bringt, Angst, die uns auf den Magen drückt, oder Traurigkeit, die uns an unwiederbringliche Dinge erinnert und unsere gesamte Aufmerksamkeit verlangt.  Genauso können eine frohe Nachricht, frisch Verliebt-Sein und die Erfüllung eines langersehnten Wunsches unser Herz erwärmen, sodass wir in die Luft springen möchten oder uns fühlen, als schwebten wir auf einer Wolke über dem Geschehen.

Auch wenn wir diese Emotionen manchmal vielleicht nicht haben wollen, so sind sie doch von deutlich grösserer Wichtigkeit und Nützlichkeit, als wir vermuten mögen. Denn Emotionen fungieren als Signale, uns auf bestimmte Aspekte zu fokussieren und sie bringen uns dazu, tätig zu werden (1). Denn in der Natur des Menschen liegt es, Positives (Lustgewinn) zu verfolgen und negative Folgen zu vermeiden (Unlustvermeidung). Das heisst, Emotionen helfen uns unser Leben hindurch beim Lernen, uns jene Situationen zu merken, die wir positiv bzw. negativ empfunden haben, und diese zu wiederholen oder zu meiden.

So gibt uns Wut beispielsweise einen Hinweis darauf, dass Grenzen oder Werte verletzt wurden und versucht uns zu motivieren, für unsere Belange einzustehen mit dem Ziel, ein solches Ereignis nicht erneut erdulden zu müssen. Mahatma Gandhis Enkel Arun (2) schreibt in seinem Buch über die Begegnung mit seinem Grossvater: «Wut ist die Energie, die uns zwingt, zu definieren, was gerecht und ungerecht ist.» Das bedeutet, wenn wir unsere Emotionen geschickt zu nutzen verstehen, können wir von dieser Energie profitieren und diese so umlenken, um unsere Bedürfnisse zu verfolgen und uns dessen klar zu werden, was uns wichtig ist.

Diesen Aspekt der Emotionen betonte auch Daniel Goleman, welcher im Fach Klinische Psychologie an der Harvard University lehrte. Ihm zufolge bedeutet emotionale Intelligenz «…eine Metafähigkeit, von der es abhängt, wie gut wir unsere sonstigen Fähigkeiten, darunter auch den reinen Intellekt zu nutzen verstehen“ (3). Das bedeutet für jeden einzelnen zum einen, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und mit diesen klug umzugehen, aber auch Fähigkeiten wie sich in andere einzufühlen, mit den Empfindungen anderer umzugehen und Konsequenzen vorausschauend zu berücksichtigen (EQ, Emotionaler Intelligenzquotient). Nicht unser IQ entscheidet somit allein, ob wir Erfolg in Beruf und im Privaten haben, sondern ebenso maßgeblich unser Gespür für die jeweilige Situation und daraus abgeleitet, unsere Fähigkeit, basierend auf unserem EQ von mehreren möglichen Handlungsalternativen die passende Reaktion auszuwählen.

Goleman plädiert dafür, Herz und Verstand miteinander wieder stärker in Verbindung zu bringen. In unser verstandes-gesteuerten Welt scheint dies häufig nicht der Fall zu sein. Oder doch? Kennt nicht jeder den Ausdruck des Bauchgefühls? Und sind nicht diese Entscheidungen, welche nicht vollständig mit Argumenten begründet werden können, oftmals jene, die uns am glücklichsten machen? Dies soll nicht heissen, den Verstand auszuschalten. Es appelliert lediglich an uns, in unserem technologisierten Alltag, in welchem fast alles mathematisch vorhersagbar scheint, in Interaktionssituationen mit unseren Mitmenschen unsere Emotionen stärker einzubeziehen und sei es nur dadurch, dass wir sie uns bewusster machen. Denn im Bauchraum laufen viele unserer Nervenstränge zusammen – vergleichbar mit einem zweiten Gehirn, welches uns dabei unterstützen kann (4), richtig zu handeln und in sozialen Situationen empathisch und adäquat zu reagieren. Denn je höher die Führungsverantwortung, desto wichtiger ist es, wie gut wir mit anderen Menschen umgehen und ihre Signale deuten können. 

Und wie begegnen wir Emotionen, die sich scheinbar nicht steuern lassen? Hierbei kann es helfen, sich zu vergegenwärtigen, wo genau sie ihren Ursprung gefunden haben. Denn wir sind nicht unsere Gefühle – wir haben sie. Dem Gefühl geht ein Gedanke voraus, welcher abhängig von unserer Bewertung in Millisekunden zu unserer Empfindung führt. Und wie wir über Situationen oder Reize denken, können wir zu jeder Zeit beeinflussen. Sollten Sie in bestimmten Situationen oder mit gewissen Personen immer wieder ungewollt heftig reagieren, ist dies eine Einladung, dieser Emotion auf den Grund zu gehen. Ist es ein Glaubenssatz, der dahintersteckt, oder triggert dies ein Bedürfnis, einen Wert? Ist es ein Signal, sich selbst mehr durchzusetzen oder im Gegenzug auch mal grosszügig und gelassen zu sein? Wie wäre es, trotz dieser Gefühle auf das Positive zu fokussieren, der Situation eine andere Deutung zu geben oder sich in Akzeptanz zu üben und die Situation anzunehmen?

Welcher Ihrer Emotionen möchten Sie gern stärker nachgehen? Welche Deutung einer bestimmten Situation umdeuten zugunsten eines weniger negativen Gefühls? Und in welcher Situation mit Ihren Mitmenschen möchten Sie Ihre emotionale Intelligenz zukünftig noch stärker nutzen?

Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren Start in eine Woche voller kluger Entscheidungen,
Ihr Manres Team


(1) Bower, G. H. (1981). Mood and memory. American Psychologist, 36, 129–148.
(2) Gandhi, A. (2017). Wut ist ein Geschenk. Das Vermächtnis meines Grossvaters. New York: Simon & Schuster Verlag.
(3) Goleman, D. (1997).  EQ. Emotionale Intelligenz. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
(4) Shamash, A. & Strahl, H. (2011). Achtsamkeit für Dummies. Weinheim: Wiley-VCH Verlag.