Freundschaft

Wegbegleiter und Wachstumselixier

Ein Gastbeitrag von Fabrice Müller, Journalist, journalistenbuero.ch/

Sie begleiten einen oft ein ganzes Leben lang. Deshalb sind Freunde für viele Menschen eine Herzensangelegenheit. Damit aus zwei Menschen Freunde werden, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. 

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, die die beiden grossen deutschen Dichter Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe verband. Und doch sollte ihre Begegnung zu einem echten Bündnis, zu einer der produktivsten Freundschaften führen, die es in der Literaturgeschichte je gegeben hat. «Wir haben viele Distichen gemeinsam gemacht, oft hatte ich den Gedanken und Schiller machte die Verse, oft war das Umgekehrte der Fall, und oft machte Schiller den einen Vers und ich den anderen», schilderte Goethe den gemeinsamen Schaffensakt zwischen ihm und seinem Freund Schiller. 1805 verstarb dieser im Alter von 45 Jahren an einer Lungenentzündung. Goethe war sehr schockiert von dem Tod seines jüngeren Kollegen. Er beschrieb den Verlust von Schiller, als hätte er «die Hälfte seines Daseins verloren». 

Das höchste aller Güter

Die Freundschaft steht in der abendländischen Kultur, Geschichte und insbesondere in der Literatur seit der griechischen Antike häufig im Fokus philosophischer Reflexionen. Doch was genau ist Freundschaft? Was steckt hinter diesem unsichtbaren Band, das zwei Menschen verbindet? Diese und viele andere Fragen waren es, die den Psychologen und Unternehmensberater Philipp Johner aus Zürich veranlassten, sich auf der psychologischen, sozialen und theologischen Ebene mit dem Thema Freundschaft zu beschäftigen und ihm gar ein Buch zu widmen. «Tiefenpsychologisch gesehen spielt die Freundschaft grösstenteils eine untergeordnete Rolle, und dies obwohl sie ein so zentrales Element im Leben vieler Menschen ist», sagt Philipp Johner. Der Buchautor definiert Freundschaft als der Freund und Fürsprecher des eigenen Potenzials. «Freundschaft ist das Wachstumselixier, das stabilisierend wirkt. Ein Freund wirkt aufbauend, wenn man ihn braucht.» Freundschaften spielen bereits im Kindesalter eine wichtige Rolle. Kinder entwickeln bereits ab dem zweiten Lebensjahr Vorlieben für andere Kinder, sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie der Universität Zürich. 

«Man ist nackt, ohne sich auszuziehen»

Gemeinsame Interesse, Schicksale oder auch gegenseitige Verbundenheit bilden in vielen Fällen das Rückgrat für eine langjährige Freundschaft. Doch es braucht noch mehr, damit aus zwei Menschen echte Freunde werden. Für Moritz Daum spielt die gegenseitige Sympathie eine wichtige Rolle, aber auch die Fähigkeit, die andere Person zu verstehen und empathisch zu sein. Weiter baue eine echte Freundschaft auf Vertrauen auf; sie bildet die Grundlage für eine langfristige Beziehung. «Freundschaften sind etwas Dynamisches, das sich über die Jahre auch verändern kann. Trotzdem bleibt das Band der Freundschaft bestehen und lebendig», erklärt Moritz Daum. Es sei eine Frage des Herzens, sagt Philipp Johner, ob man sich auf einen anderen Menschen einlassen will oder nicht, wie viel Nähe und Offenheit man zulässt. «In der Freundschaft öffnet man sich, man ist nackt, ohne sich auszuziehen.» 

Virtuelle Freundschaften

Im heutigen digitalen Zeitalter scheint es einfacher zu sein denn je, Freunde zu finden. Per Mausklick erhöht sich der Freundeskreis auf Facebook und Co. «Soziale Medien können hilfreich sein, Freundschaften zu schliessen. Erfolgserlebnisse in der virtuellen Welt können dazu ermuntern, auch in der realen Welt auf Leute zuzugehen», schätzt Moritz Daum den Vorteil der sozialen Medien für den Aufbau von Freundschaften ein, gibt aber zu bedenken: «Soziale Medien bergen auch Gefahren: Jemanden zu beschimpfen, ist online einfacher.» Für Philipp Johner haben virtuelle Freundschaften, beispielsweise über Facebook, einen oberflächlichen Glanz: «Wir haben dank Facebook zwar die Möglichkeit, schneller mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Aber die Fähigkeit, aus diesen Kontakten wahre Begegnungen zu machen, tritt in den Hintergrund.» 

Wir wünschen Ihnen eine wunderbare, freundschaftliche Woche!

Buchtipp:

Philipp Johner (2012). Freundschaft. Was es für ein erfülltes Leben braucht. Berlin: Fischer Verlag