Geben und Nehmen

Zwei buddhistische Strategien zum Glück

Von Susan van Schie, Senior Consultant /

Die Sichtweise von Tulku Lobsang, Tibeter und buddhistischer Meister, auf das Thema Glück hat mich in seiner Schlichtheit sehr berührt. Einige seiner Kernaussagen möchte ich gerne mit Ihnen teilen. 

In unserem Streben nach Glück haben wir zwei Gegenspieler: Erwartung und Angst. Erwartung macht uns blind für das, was wir haben und lässt uns an Empfangenem festhalten. Wenn ich also erwarte, dass mir im Leben viel zusteht, werde ich länger ungesättigt bleiben und versuchen, die empfundene Leere zu füllen. So versuche ich mein Glück, meinen Besitz und meine Liebe für mich zu bewahren. Angst wiederum lässt uns Dinge sehen, die nicht da sind und bewegt uns dazu, das was uns ängstigt von uns fernzuhalten. Wenn ich Angst habe, gebe ich also gerne das weg, was ich nicht haben will. Ich versuche Unglück, Armut und Abweisung von mir wegzuhalten. Soweit logisch.

Nun kommt Tulku Lobsang‘s Schubumkehr: Je mehr ich erwarte (und festhalte), desto weniger kann ich beschenkt werden. Um wirklich frei zu sein, muss ich also geben, was ich selbst erwarte. Wenn ich Freiheit brauche, gebe ich anderen Freiheit und kultiviere so die Freiheit in mir. Wenn ich Liebe brauche, gebe ich anderen Liebe und kultiviere so die Liebe in mir. Die gleiche Umkehr gilt für die Angst: Je mehr ich versuche das, wovor ich mich fürchte, zu vermeiden und dagegen zu kämpfen, desto mehr binde ich mich daran. Um wirklich frei zu sein, muss ich meine Angst annehmen und ihr ins Gesicht schauen. 

Unser Glück finden wir also, indem wir lernen, ohne Erwartung zu geben und ohne Angst zu nehmen, fasst Tulku Lobsang zusammen. 
Wie können wir erwartungsfreies Geben und angstloses Nehmen im Alltag praktizieren? Der Meister empfiehlt eine einfache Übung, die hilft, den Geist in Güte und Mitgefühl zu trainieren. Verinnerlichen Sie sich jeden Morgen, wenn Sie aufstehen: 

1. Ich gebe heute mein Bestes, von ganzem Herzen (Praxis der Güte). Das ist alles, was ich auf dieser Erde tun kann. Ich erwarte nicht mehr als das. Ich kann nicht mehr als mein Bestes tun.
2. Ich nehme alles an, was danach kommt an (Praxis des Mitgefühls). Ich beschwere mich nicht darüber, hinterfrage es nicht und mache keine Vorwürfe, weder mir selbst noch den anderen. Selbst wenn etwas Schlechtes kommt, bin ich glücklich, weil ich mein Bestes getan habe.

Erwarten Sie nicht mehr von sich, meint Tulku Lobsang. Es gibt viele Menschen, die nie glücklich sind, weil sie perfekt sein wollen. Damit erwarten sie mehr von sich (und von anderen), als möglich ist und erlangen vielleicht nie Harmonie. Wenn wir Perfektion von uns selbst erwarten, überschätzen wir unsere eigene Wirkkraft im Leben und damit ist Leid und Enttäuschung vorprogrammiert. Menschen machen Fehler. Sogar die Natur macht Fehler. Manchmal geschieht uns Unrecht, obwohl wir alles richtig gemacht haben. Das Leben ist nicht fair und genau deshalb brauchen wir die Praxis des Mitgefühls. So ist der Weg zum Glücklichsein auch nicht „die Wahrheit“ oder „das Richtigsein“, sondern die Liebe.

Der Meister schlussfolgert: Das Beste, was wir geben können, ist anderen zu helfen – egal wie unrecht sie sich in unseren Augen verhalten mögen (Praxis der Güte). Denn andere brauchen unsere Hilfe besonders dann, wenn sie sich verirrt haben. Im Buddhismus gilt: wir sind nie gegen das Wesen einer Person, sondern gegen ihr Verhalten. Wenn sich etwa ein Kollege grob fahrlässig verhält und ein Projekt an die Wand fährt, verurteilen wir seine oder ihre Handlungen, nicht aber den Kollegen als Mensch. Und indem wir anderen aus tiefstem Herzen helfen, verändern wir uns immer auch selbst. Das Beste, was wir annehmen können, ist unsere Bereitschaft, uns selbst zu verändern – egal wie sehr wir uns im Recht wähnen (Praxis des Mitgefühls). Besonders dann, wenn wir denken, im Recht zu sein, sind wir blind für eigene Unzulänglichkeiten. Indem wir uns selbst aus tiefstem Herzen verändern, werden wir zur Hilfe für andere.

Wir wünschen Ihnen eine glückserfüllte Woche.

Herzlichst, 
Ihr Manres-Team