Intuition -

Ist das Kunst oder kann das weg?

Von Michèle Fichtner, Consultant /

Vertrauen Sie Ihrer Intuition? Eine Frage, die nicht nur Manager und Chefstrategen betrifft, sondern auch für Schauspieler eine besondere Rolle spielt.

Meterlange Vorhänge aus weißem dursichtigem Stoff fallen von der Theaterdecke auf den schwarzen Bühnenboden des Düsseldorfer Schauspielhauses. Gegenüber stehen sich zwei Schauspieler, die Figuren aus Schillers Drama „Kabale und Liebe“ verkörpern. Wie kann es sein, dass ihr Spiel zugleich von Leichtigkeit und Intensität geprägt ist? Der Schlüssel liegt in der Intuition. Sie ist das Werkzeug des Schauspielers, denn sie dient ihm als Wegweiser. Folgt er ihr, gewinnt sein Spiel an Ausdruck. Warum ist es nicht nur für Schauspieler wertvoll, der Intuition Gehör zu schenken ?

“Intuition will tell the thinking mind where to look next.” – Jonas Salk

Unsere Intuition, unser Bauchgefühl, weiß mehr als wir glauben. Ein Beispiel dafür bietet eine Studie, in der Probanden in einem Kartenspiel um Geld spielten (1). Auf dem Tisch lagen zwei Kartenstapel, von welchen die Probanden auswählen konnten, wenn sie eine Karte zogen. Was sie nicht wussten: Das Kartenspiel war manipuliert worden. Die Karten des linken Stapels führten zu hohen Gewinnen und darauffolgenden hohen Verlusten, während die Karten des rechten Stapels kleine Gewinne, aber dafür fast keine Verluste aufwiesen. Nach 50 Karten glaubten die Probanden sagen zu können, welches Kartendeck die bessere Wahl sei und weitere 30 Karten später glaubten sie, erklären zu können, worin der Unterschied der beiden Kartendecks lag. Das Faszinierende an dieser Studie ist aber Folgendes: Bereits nach zehn Karten wurden jedes Mal, wenn die Probanden zum linken (gefährlichen) Kartenstapel griffen, die Schweißdrüsen der Hände aktiviert. Ebenfalls etwa bei der zehnten Karte begannen die Probanden im Durchschnitt den rechten (sicheren) Kartenstapel zu bevorzugen. Das heißt, dass die Intuition der Probanden bereits unbewusst erfasst hatte, dass der rechte Kartenstapel der sichere war und diese Erkenntnis anhand von schwitzigen Händen bei der Wahl des „falschen“ Kartenstapels zeigte, bevor der Intellekt dieser Tatsache auch nur ansatzweise auf die Schliche gekommen war. Die Probanden entschieden sich zwar nicht immer, auf diese körperliche Reaktion zu hören, aber die Intuition lag fast immer richtig.

Intuition ist kein sechster Sinn, sondern ein rascher Wegweiser, das Abrufen von Erfahrungswissen sowie eine spontane Mustererkennung. Wir müssen unserer Intuition nicht blind folgen, aber wir sollten sehr genau hinhören, was sie uns offenbaren kann. Albert Einstein hat die Bedeutung der Intuition schon früh erkannt und auf ihre unterschätze Rolle hingewiesen: „Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft entwickelt, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat“. Schauspieler sind geschult darin, eine starke Verbindung zu ihrer Intuition zu besitzen und werden bereits in der Basisausbildung in ihrer Intuition geschult. 

Im Folgenden verrate ich Ihnen drei Dinge, die ich im Schauspielstudium und –beruf gelernt habe, um meine Intuition zu stärken:

1 / In der Ruhe liegt die Kraft

Wir brauchen immer wieder Ruhepunkte, an denen wir nachspüren können, wie es uns geht und welche emotionalen, physischen und psychischen Ressourcen wir benötigen. In meinem ersten Studium an der Folkwang Universität hatten wir zu diesem Zweck jede Woche „Alexander-Technik“, eine Methode, deren Ziel das Erkennen und Beheben von einschränkenden Einstellungen sowie funktionalen Fehlstellungen ist. Alexander-Technik war im Schauspielstudium meine „energetische Tankstelle“, der Ort, an dem ich Zeit hatte innezuhalten und zu reflektieren. Mittlerweile finde ich meine Ruhe hingegen in der Meditation. Nach dem Meditieren empfinde ich ein sehr klares und deutliches Gespür für das, was mir entspricht. Finden Sie Zeit, sich mit sich selbst in Ruhe auseinanderzusetzen, um sich selbst kennenzulernen. Oft toben Stürme aus Anforderungen, Terminen und Erwartungen um uns herum. Wenn wir uns der verlockenden Hektik dieser Unruhe hingeben, verlieren wir den Kontakt zu uns und somit auch zu unserer Intuition. Die Klarheit und die Ruhe stärken unsere Intuition. 

2 / Ganz Ohr sein

Die entspannte Konzentration der oben genannten Meditation stärkt das Gespür für unsere Intuition. Diese Ruhe gibt uns die Energie und den Fokus, aufmerksam beim Gegenüber zu sein, ohne verkrampft zu wirken. 2010 habe ich in einem Auslandssemester an der University of the Arts in Philadelphia studiert und wurde in einer speziellen Schauspieltechnik, der Meisner- Technik unterrichtet. Im Gegensatz zu anderen Schauspieltechniken, die z.B. auf ein komplexes imaginäres Gerüst aus emotionalen, autobiographischen Elementen setzen, fokussiert sich die Technik von Stanford Meisner auf etwas anderes: den Moment. Die Basisübung dieser Technik besteht darin, intuitiv alles, was an dem Spielpartner auffällt, präzise zu benennen. Ein simpler Schritt, der allerdings volle Präsenz und Wachheit einfordert. Während in den Basisschritten Äußerlichkeiten benannt werden, äußert der Schauspieler in fortschreitenden Übungen intuitiv die Emotionen und Gedanken, die er beim anderen wahrnimmt. Das nächste Level befasst sich mit den Emotionen, die der andere bei einem selbst auslöst. Da Intuition auch ein unbewusstes Abrufen von Erfahrungswissen ist, reichert dieses präzise Beobachten, Zuhören und Benennen unsere Intuition an. Und ein schönes Extra: der Beziehungsaufbau wird durch diese offene, interessierte und wertschätzende Grundhaltung unterstützt. 

3 / Das Eigene aufspüren 

Die Kreativität ist der Zauber, der ein Kunstwerk von einem Malen-nach-Zahlen-Bild unterscheidet. Kreativ zu sein bedeutet, Farbe zu bekennen, mich zu positionieren. Was hat Kreativität mit Intuition zu tun? Um unsere Intuition im kreativen Rahmen auszuleben, müssen wir ein Gespür für das Eigene kultivieren und uns zu dieser individuellen Neigung bekennen. Das Eigene zu finden kann herausfordernd sein, da es oftmals schwierig zu erkennen ist, was eigene Interessen und was die Ansprüche der Gesellschaft, des sozialen Umfelds, der Familie etc. sind. Sich auf diese Reise zu begeben ist allerdings durchaus belohnend. Haben Sie ein Gespür dafür entwickelt, was das Eigene ist, leben Sie stimmiger. Dieses Stimmigkeitsgefühl wird auf alle Bereiche Ihres Lebens Einfluss nehmen. Zurück zur Kreativität: Die Intuition ist es, die das Bild zur Kunst werden lässt und die Bewegung zum Tanz. Intuition ist zwar noch keine Kunst, aber sie ist der Schlüssel dazu. Es ist nie zu spät, Ihrer Intuition zu folgen und kreativ zu werden.

Wir wünschen Ihnen eine zauberhafte Adventszeit

Ihr Manres-Team

(1)Bechara, A., Damasio, H., Tranel, D., & Damasio, A. R. (1997). Deciding advantageously before knowing the advantageous strategy. Science, 275(5304), 1293-1295