Psychologie für die Wirtschaft

Welchen Nutzen hat die Philosophie und Psychologie für die Wirtschaft?

Das Auseinandersetzen mit Philosophie und Psychologie führt zur Selbsterkenntnis und damit zum wirtschaftlichen Erfolg. Dies ist für Philipp Johner ein Grundprinzip, das er in seiner Arbeit tagtäglich erlebt. Im Interview mit Philipp Johner, dem Psychotherapeuten und Business Coach erfahren Sie, wie sich die Selbsterkenntnis nicht nur für Sie selbst, sondern auch für Unternehmen positiv auswirkt.

1 / Sehr geehrter Herr Johner, wir erleben zurzeit ein Wiederaufflammen der Philosophie in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Diskussionen. Universitäten und Hochschulen bieten mittlerweile Studien- und Lehrgänge an, die die Bereiche Wirtschaft und Philosophie miteinander verbinden. Woher kommt für Sie diese neue Begeisterung für die Wissenschaft des Geistes?
Ihre Frage muss ich mit einer Gegenfrage beantworten: Wie könnte man da nicht fasziniert sein? Eine Welt, die ohne Interesse an Philosophie und Psychologie auskommt, kann ich mir nicht vorstellen. Die Geisteswissenschaften Philosophie und Psychologie bewegen und sind Teil des Lebens wie Physik oder Musik. Es stellt sich die Grundfrage: Was ist ein gutes Leben? Oder genauer, was ist ein schönes, wahres und gerechtes Leben? Schon Plato ist dieser Frage nachgegangen. Philosophie hat immer zwei Seiten: Wenn zum Beispiel der einzige Zweck im Universum der Mensch ist, so ist auch das einzige Problem der Mensch! Philosophie ist ein «Elternteil» der Psychologie. Der zweite Elternteil ist die Medizin. Während Freud von Schopenhauer geprägt und stark in dessen Philosophie verankert war, sah Carl Gustav Jung den Menschen als etwas ganzheitlich Mythisches. Beide Mediziner haben mit ihren Ansätzen sehr interessante Arbeit geleistet. Für mich ist eine der wichtigsten Erkenntnisse: «Wir sind wesensmässig kaum Homo sapiens. Wir sind nicht rationale, sondern wenn schon rationalisierende Wesen.» Oscar Wilde sinnierte, dass alle Menschen als Original auf die Welt kommen, die meisten jedoch als Kopie sterben. Leider hat er bis heute Recht behalten, da wir uns stark von aussen beeinflussen lassen und zu wenig von innen heraus entwickeln. Das stimmt auch in Bezug auf das Wirtschaften. Fakt ist: Menschen wirtschaften seit jeher. Also sollten wir uns erinnern: Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Den Markt zu bedienen, klingt in meinen Ohren wie einem Götzen ausgeliefert zu sein. Ich will deshalb die authentische «Mission-driveness» in jedem Einzelnen erhöhen. Auch wenn man nicht weiss wieso, so weiss man trotzdem, dass jeden etwas von innen heraus bewegt. Oder kurz: Ich schaffe etwas, weil ich bin!

Unsere fünf Sinne sind auf die Aussenwahrnehmung ausgerichtet und für das Überleben wichtig. Es gibt aber nicht nur ein Leben von aussen nach innen, die grossen Fragen und Antworten kommen in erster Linie aus dem Inneren. Ich vertrete diese eine andere, moderne Psychologie, die den Menschen ganzheitlich als kreierendes Wesen sieht. Zum Beispiel hat das was sich in der Psyche des Menschen als relevant ausdrückt viel mit dem eigenen Körper und dem Ich zu tun. Man muss sich deshalb auch die Frage stellen, wie ich mit meinen grössten Ängsten z.B. mit Todesangst umgehen kann und dabei konzentriert bleibe. Zwingli übersetzte: Der Mensch bedenke, dass er sterbe, auf dass er weise werde. Der Mensch kann sogar im Angesicht des Todes über sich hinauswachsen, strahlen, sogar Leben retten, zum Helden werden. Die Frage ist wie ich mich für diese Freiheiten trainieren kann und regelmässig über mich hinauswachsen lerne. Meine Begeisterung für die Wissenschaft des Geistes kennt deshalb kaum Grenzen.

2 / Wird die Rückbesinnung zum menschlichen Geist in Zeiten der Digitalisierung für Sie noch wichtiger?
Die Rückbesinnung zum menschlichen Geist war und ist in jeder Epoche von grösster Wichtigkeit. In einem Vergleich gesprochen, ist der Leader wie ein Spitzensportler. Jeder muss sich fragen «Wie gehe ich mit mir, meinem Körper, meinen Möglichkeiten und meinem Geist um? Trainiere ich genügend an mir und meinen Möglichkeiten, um für zukünftige Aufgaben optimal und um heute meine best-mögliche Leistung abzurufen?»

Dabei macht es Sinn, sich an Sportlern ein Vorbild zu nehmen. Ich bin zwar kein Tennisspieler, doch schauen wir uns das Beispiel Roger Federer an. Stellen wir uns eines seiner Spiele vor, alles schaut zu, er kämpft um jeden Ball und doch gewinnt der Gegner am Ende den Punkt. Genau zu diesem Zeitpunkt kommt die Psychologie des Spitzenathleten zum Tragen. Es bleiben ihm exakt 16 Sekunden, um alles gerade Vergangene zu vergessen und neue Präsenz aufzubauen, um somit den nächsten Punkt und schlussendlich den Satz und das Spiel zu gewinnen. Roger Federer ist darin ein Meister. Natürlich schlägt er auch super Bälle und bewegt sich wie kaum ein anderer auf dem Court. Seine faszinierende mentale Stärke trainiert er ebenfalls täglich. Er gibt sich nicht zufrieden mit rein körperlicher Fitness. Dabei wird er von einem grossen Team unterstützt. Keiner seiner Crew spielt jedoch so gut Tennis wie er. Die Frage stellt sich also, warum er solch einen Tross überhaupt braucht. Die Antwort ist einfach: Er braucht Inputs und Feedback! Er will die unbeschönigte Wahrheit, damit er weiter an seinen Stärken wie auch an seinen Schwächen arbeiten kann. Die Frage, die wir uns also als Unternehmer/in und Firma stellen müssen, ist: «Trainieren wir regelmässig ganzheitlich? Suchen wir stets das unbeschönigte Feedback? Können wir Rückschläge gut verkraften und innerhalb kurzer Zeit neue Präsenz aufbauen?» Im Sport verbessert man nicht (nur) seine Schwächen, sondern konzentriert sich vor allem auf seine Stärken, an denen man auch Freude hat. Ich glaube deshalb an die Möglichkeit der ganzheitlichen positiven Psychologie. Diese ist eine Gegenspielerin zur Psychologie der 80er Jahre, als man das Leben und Fortschritte noch «erleiden» musste. Man sollte also nicht nur zum Psychologen gehen, wenn man ein Problem hat, wie dies der medizinische Elternteil der Psychologie fordern würde, sondern eben auch um generell positiv an sich und an seinen Möglichkeiten zu arbeiten. Natürlich darf man das Negative und die Schwächen nicht verleugnen, man soll sich aber in keiner Weise dem Negativen unterordnen.

Auch in der digitalisierten Welt gilt: Was Menschen positiv verbindet und weiterbringt ist die richtige Psychologie, die Art wie wir miteinander wirtschaften und freiheitlich handeln, wie wir respektvoll miteinander und mit der Natur umgehen, etc.

In den 90ern war auch ich ein «Shareholder-Value-Fan». Heute müssen wir erkennen, dass die letzte Finanzkrise ganz klar auch eine Charakterkrise war, also die von Menschen und deren Psychologie verursacht wurde. Wir haben wichtige Werte nicht mehr gelebt. Ein Zitat von Bundesrat Berset an der UNO-Versammlung zur Schweizer Wirtschaftspolitik klingt mir noch immer in den Ohren: «We believe, nobody needs to lose for us to win». Wir sollten diese hehre Haltung auf allen Ebenen verfolgen.

3 / Welche Erfahrungen machen Sie diesbezüglich in Ihrer Arbeit mit Managern und Führungskräften?
Wer nicht will, der wird auch nichts verändern. Viele Führungskräfte, die ich treffe, wollen etwas verändern, sie wollen «Gas geben», sie wollen die Welt verändern. Dafür hat in meinen Augen jede Führungskraft zwei Aufgaben, die nicht delegiert werden können: Die Strategie, also wohin wir wollen, und die Kultur, also wie gehen wir mit uns und miteinander um. Diese Grössen vorzuleben und Gewohnheiten im Betrieb zu etablieren, die zu Höchstleistungen befähigen, ist die zentrale Aufgabe der Führungskraft. Führungskräfte müssen Werte verkörpern und von der Firmenidee und Strategie überzeugt sein. Die Qualität ihrer Gewohnheiten bestimmt den Erfolg. Jede Führungskraft steht im Fokus und muss sich zudem die Frage stellen, ob die Mitarbeiter für ihn/sie arbeiten wollen, ihr Bestes geben und in ihre Möglichkeiten wachsen.

Das Orakel von Delphi besagt: «Erkenne dich selbst», Selbsterkenntnis steht über allem. Ich sehe meine Aufgabe als Übersetzer zu agieren. Hierfür verwenden wir Instrumente, Modelle, die Tiefgang haben verlässlich und im Alltag praktikabel sind. Das «Sich mit sich selbst auseinandersetzen» ist ein Prozess «in vivo». Entsprechend müssen Prozesse etabliert werden. Mein Ziel ist es, die Firma und ihre Führungskräfte zu entwickeln. Dabei müssen wir aufhören, Leute zu motivieren, denn es braucht dafür Wille, und der ist nicht delegierbar. Besser ist es, gemeinsam Demotivierendes aus dem Alltag zu verbannen. Wir müssen uns also ständig fragen: Wo haben wir «Kriechströme», über welche Themen haben wir zu viele Sitzungen, was demotiviert uns im Alltag? Wenn wir uns nur an der Aussenwirkung orientieren, dann ist das letztlich wie Folter.

Wir müssen uns mit unserem Selbst beschäftigen. Da stellt sich die Frage, ob sich Menschen wirklich verändern können. Menschen können sich entfalten lernen; dafür gute Gewohnheiten etablieren. Es ist in jedem Fall möglich, die Art und Weise wie ein Mensch sich in sein Leben einbringt, daran teilnimmt und Teil hat, zu ändern. Wichtig dabei ist regelmässiges Feedback. Die Weisheit “Feedback is the Breakfast of Champions” kommt leider in der Wirtschaft noch viel zu kurz. Wenn aber Feedback des Kunden die vitale Lebensader eines Unternehmens ist, wieso verzichten wir dann auf regelmässiges Feedback untereinander? Wieso lassen wir es zu, dass ernst gemeintes Feedback zu zwischenmenschlichen Problemen führt anstatt zu Verbesserungen? Ich wage deshalb zu behaupten: „Man wird erfolgreicher, wenn man lernt mit sich so umzugehen, dass man Feedback gut aufnimmt.“

4 / Was können Manager und Führungskräfte aus der Geisteswissenschaft mitnehmen und wie können Sie Erkenntnisse daraus konkret in ihrer täglichen Führungsarbeit anwenden?
Diese Frage haben wir – so denke ich – schon recht gut beantwortet. Kurz und bündig: Die Persönlichkeitsentwicklung dient als Basis der Führungskompetenz. Die Instrumente, Modelle und Lösungsansätze der Geisteswissenschaften kann man entsprechend aufbereitet hierfür gezielt anwenden. Wir sprechen nicht von einem Skill-Training, sondern von einem besseren Bezug zu sich selbst, um das Beste aus sich und seinem Umfeld herauszuholen.

5 / Abschliessend, welche Tipps und Empfehlungen möchten Sie unseren Lesern gerne mitgeben?
Wenn wir akzeptieren, dass wir nicht rationale, sondern rationalisierende Wesen sind, dies regelmässig an uns beobachten, dann lernen wir auch uns besser kennen und können besser mit uns selbst umgehen. Wir akzeptieren dann, dass Entscheide im Innern gefällt werden, übernehmen dafür Verantwortung und holen wo immer möglich Feedback ein. Es gibt immer wieder schwierige Zeiten mit schwierigen Kunden, Mitarbeiterprobleme und andere Themen. Wir sollten uns natürlich überlegen, was man extern verändern oder besser machen kann: Aber das Wichtigste, das ich ändern kann, bin ich selbst.

Wir wünschen Ihnen eine Woche voller Selbsterkenntnis und -wirksamkeit,
Ihr Manres Team

Anmerkung
Das Interview wurde von Armin Rainer in der Zusammenarbeit mit der WEKA Business Media AG Zürich geführt.