Unternehmenswerte

Leidplanken? Nein, Leitplanken.

Von Clemens Immel, Senior Consultant /

Da saßen wir nun in einem schönen Büro mit Ledersesseln, heißem Kaffee und dem Geschäftsleitungsteam eines potenziellen Kunden und besprachen unsere mögliche Zusammenarbeit. Relativ schnell streiften wir im Gespräch das Thema der Unternehmenswerte. Der Geschäftsführer kommentierte dies, indem er sagte, dass sie natürlich auch irgendwelche Werte hätten. Also bat er die Assistenz, diese zu holen. Ihre Antwort: „Puh, ich glaube die liegen irgendwo im Keller. Ich gucke mal.“.

In der Mehrzahl meiner Projekte wird irgendwann das Thema „Unternehmenswerte“ relevant. Auch wenn die meisten Entscheider in Unternehmen einen Bezug zu Unternehmenswerten haben, gibt es große Unterschiede, wie sie sich dem Thema annähern. Die zuvor beschriebene Anekdote aus meiner Anfangszeit bei Manres spiegelt den Umgang mit Unternehmenswerten in der Praxis ganz gut wider. Zwar bezog sich die Aussage des Geschäftsführers auf das Informationsmaterial der erarbeiteten Werte, nur zeigt dies auch, welche Wichtigkeit die Werte offensichtlich in der Organisation einnahmen – keine.

Falls Sie sich nun auch in dieser Anekdote wiederfinden (egal in welcher Rolle), habe ich hier ein paar Anhaltspunkte, warum es durchaus Sinn ergibt, sich für Unternehmenswerte einzusetzen und wie Sie sie in den Alltag integrieren können.

1/ Werte als Entscheidungshelfer: Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:  Es ist später Nachmittag, heute Abend haben Sie ein romantisches Dinner mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin geplant. Nun meldet sich ein langjähriger Kunde, dass er spontan in der Stadt sei und ob Sie nicht gemeinsam zu Abend essen wollten? Je nachdem wie Ihre persönlichen Werte sind, werden Sie entweder Ihr romantisches Dinner oder Ihr inoffizielles Akquisegespräch absagen. Und dies muss keine einfache Entscheidung sein. Vielleicht ist es eine 49% vs. 51%-Entscheidung. Hier helfen Ihnen Ihre Werte, sich gemäß Ihrer Identität zu verhalten. Gerade Führungskräfte sind durch die andauernde Ambivalenz hin- und hergerissen, welche Strategie sie verfolgen sollten, um das Unternehmen voranzubringen. Es gibt nicht die Entscheidung, da es schließlich mehrere Wege zum Ziel gibt. Wenn Sie sich nun für eine Alternative entscheiden, bedeutet dies, dass Sie sich gegen alle anderen entscheiden. Sie sind bereit, den Preis zu zahlen: Wenn Sie sich für das romantische Dinner und gegen das Akquisegespräch entscheiden, bezahlen Sie den Preis, die Kundenbeziehung an diesem Abend nicht zu stärken und verpassen dadurch vielleicht weitere Sales-Opportunitäten. Genau wie Ihre persönlichen Werte, helfen Ihnen auch Unternehmenswerte, Entscheidungen zu treffen. Fliegen Sie oder nehmen Sie den Zug von Hamburg nach Frankfurt? Wenn einer Ihrer Werte Nachhaltigkeit ist, werden Sie den Zug wählen.

2/ Werte als Leitplanken: Manche von Ihnen mögen sich die Frage stellen, wie ein Unternehmenswert denn bitteschön bei Entscheidungen helfen soll?  Die sind doch viel zu vage definiert und lassen Interpretationsspielraum. Genau! Das ist ja das Großartige daran. Sie werden nur sehr schwer Verhaltensanweisungen für jede spezifische Situation, die in einem Unternehmen vorkommt, aus den Werten ableiten können. Werte fungieren eher wie Leitplanken, die eine ungefähre Richtung, aber eben auch noch genug Platz auf der Straße lassen, um sich zu überlegen, möchte ich links, rechts oder in der Mitte fahren. Genau wie bei Leitplanken kann es auch immer wieder vorkommen, dass wir diese streifen und wir einen kleinen „Blechschaden“ davontragen. Dann wurde ein Wert verletzt, eine Entscheidung gefällt, die gegen die Werte geht. Nutzen Sie diese Situationen, um sich neu zu orientieren und lernen Sie daraus, sodass Sie in der nächsten Haarnadelkurve nicht einfach durch die Leitplanke durchpreschen und diese für Sie dann nicht mehr existiert.

3/ Werte vorleben: Als Führungskräfte sind Sie immer auf der Bühne – ganz besonders, wenn gerade neue Unternehmenswerte erarbeitet und vorgestellt worden sind. Ihre Mitarbeiter werden Sie mit Argusaugen beobachten und die kleinste Missachtung von Werten Ihrerseits wahrnehmen (insbesondere bei Werten wie Wertschätzung oder Mitarbeiterorientierung). Nehmen Sie diese Situationen, um daraus zu lernen und fühlen Sie sich nicht in die Ecke gedrängt. Wichtig ist jedoch auch: lassen Sie die Situationen, in denen Sie selbst oder andere aus dem Team einen Wert besonders vorbildlich leben, nicht verstreichen, sondern benennen das Verhalten und den korrespondierenden Wert. Es geht nicht nur darum, nicht konformes Werteverhalten aufzuzeigen, sondern auch konformes Werteverhalten zu feiern und zu verstärken.

4/ Werte integrieren: Indem Sie Ihre Unternehmenswerte in Ihren HR Lifecycle integrieren, nehmen Sie sich und dem Unternehmen langfristig Arbeit ab.

  • Warum nicht bereits bei der Personalauswahl nach Personen suchen, die von vorneherein die gleichen Werte wie Ihr Unternehmen verkörpern? In Bewerbungsgesprächen können Sie nach Beispielverhalten aus der Vergangenheit des Bewerbers fragen und so passendere Entscheidungen treffen.
  • In regulären Feedback-Gesprächen zwischen Mitarbeiter und Führungskraft kann werteorientiertes Verhalten ebenfalls eingebunden, ggf. auch incentiviert und somit langfristig gestärkt werden. Wichtig ist und bleibt, dass über beobachtbares Verhalten gesprochen wird, um die Werte greifbar zu machen.  
  • Aufgrund welcher Kriterien treffen Sie Entscheidungen für Beförderungen oder Lohnerhöhungen? Leistung? Erfahrung? Potenzial? Alles gut, alles richtig. Integrieren Sie dazu auch den Punkt der Unternehmenswerte. Wie kommt der Bewerber zu dieser Leistung und korrespondiert dies mit unseren Werten? Wenn Sie nämlich gute Leistung belohnen, für die eine Verletzung der Werte notwendig war, belohnen sie diese ungewollt mit.
  • Auch ein Austrittsgespräch, das Bezug auf die Werte nimmt, ist wichtig. Führen Sie das Gespräch entsprechend Ihrer Werte, fragen Sie den Mitarbeiter nach dessen Erleben der Werte im Unternehmen und wünschen Sie alles Gute. So betreiben Sie indirekt Personalmarketing.


Wenn Sie Ihre Unternehmenswerte wirklich in ihr Unternehmen integrieren und nicht nur auf ein Blatt Papier oder in eine Präsentation „klatschen“, können Sie einen gewaltigen Mehrwert generieren, die Zusammenarbeit erleichtern und die Produktivität erhöhen. Möchten Sie den Punkten jedoch keine allzu große Aufmerksamkeit widmen, dann lassen Sie es am besten gleich bleiben, denn sonst werden aus Leitplanken Leidplanken.

Wir wünschen Ihnen eine Woche mit guten Entscheidungen
Ihr Manres-Team