Vertrauen

Die Kunst des Loslassens

Von Julia Reimann, Consultant /

Manchen Menschen scheinen die schönsten Dinge zu geschehen, ohne dass sie selbst viel dazu beisteuern – wie eine Art Verkettung positiver Erlebnisse. Andere wirken verbissen dabei, etwas Schritt für Schritt zu erreichen und es fällt ihnen schwer, loszulassen, bis sie ihrem vorher definierten Ziel etwas nähergekommen sind. Woran liegt es, dass wir bestimmte Ziele erreichen und andere nicht?

In unserer globalisierten Welt spielen Wille und Zielerreichung sowie harte Arbeit eine grosse Rolle. Es wird suggeriert, dass jeder es schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Dass viele kleine Schritte zum Ziel führen, je konkreter wir uns dieses vorstellen und einen Schritt nach dem anderen in diese Richtung gehen. Dies mag für jene Ziele gelten, die sich in unserem direkten Einflussbereich befinden und die wir durch vorab definierte Handlungen erreichen können. Anders verhält es sich oft mit emotional geprägten Zielvorstellungen und Wünschen, welche nicht nur uns selbst miteinschliessen, wie z.B. den Traumpartner für sich zu gewinnen. Vielen ist in dem Zusammenhang sicher auch das Zitat «Jeder ist seines Glückes Schmied» bekannt, welches eine Steuerbarkeit unseres Wohlbefindens suggeriert. Doch haben wir wirklich immer einen Einfluss oder überschätzen wir die Wirkung unseres eigenen Tuns?

In Seminaren und Büchern geht es häufig darum, wie wir unser Leben in die Hand nehmen können und mit welcher Haltung wir Erfolg und Glück erreichen. Darum, wie wir effizienter arbeiten können und inwiefern unsere Energie am besten investiert ist, um aus den 24 Stunden eines Tages den maximalen Gewinn zu ziehen. Sind wir mit etwas unzufrieden - so die Theorie - haben wir die Wahl, zu verändern, worauf wir uns fokussieren oder wie wir Dinge deuten.
Doch was, wenn wir etwas einfach nicht vergessen können, etwas bereuen oder nicht akzeptieren können, dass es ausserhalb unserer Macht liegt?  Wenn wir keine andere Bedeutung finden, die wir diesen Dingen geben können?

Mit diesen Fragen haben sich verschiedene Strömungen beschäftigt. Einen wirksamen Ansatz, mehr Akzeptanz und Gelassenheit zu üben, schlägt der US-amerikanische Professor Jon Kabat-Zinn (3) mit seiner in den 1970er Jahren entwickelten MBSR-Methode vor. MBSR bedeutet mindfulness based stress reduction und ist ein Achtsamkeitstraining mit dem Ziel der Stressreduktion. Hierfür stellte Kabat-Zinn zwei zentrale Begriffe als bedeutsam heraus: Akzeptanz und Achtsamkeit. Achtsam ist für ihn, wer sich ganz auf das Hier und Jetzt konzentriert und dabei nicht urteilt. Vereinfacht gesagt heisst es, Dinge wahrzunehmen, wie sie sind, ohne sie als negativ oder positiv einzustufen. Indem die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt, auf das Wahrnehmen von Gedanken gelenkt wird, kann Stress reduziert werden. Genau in diesem Moment lassen wir von einer Wertung ab. Unsere Gedanken und die damit einhergehenden Bewertungen sind es, die unsere Gefühle beeinflussen. Und je mehr wir uns von unseren Bewertungen lösen, desto eher können wir etwas ändern oder eine gewisse Distanz einnehmen.

Sowohl im Coaching und der Therapie wird diese Erkenntnis genutzt: immer mehr hält die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (4) Einzug in die Praxis. Statt «dysfunktionales» Verhalten oder Kognitionen zu verändern, geht ACT davon aus, dass durch konsequentes Leben unserer Werte mehr psychische Flexibilität erlangt werden kann. Vereinfacht gesagt geht es dabei statt einem «weg von» zu einem Annehmen der Situation und darum, mehr von dem zu tun, was guttut. Stellen Sie sich beispielsweise eine Person vor, der es schwerfällt, sich aus einer ungesunden Beziehung zu lösen. Statt sich Vorwürfe zu machen oder etwas zu bereuen, heisst es nun, Lebensziele auszuarbeiten und entsprechend den eigenen Werten zu leben. Der Fokus liegt somit auf der Zukunft und aktuelles Verhalten sowie Bedingungen werden so angepasst, dass der eigene Lebenstraum erreicht werden kann. Auf diese Art und Weise ändern sich automatisch die eigenen Gedanken. Gerade deshalb ist es kein Zufall, dass einigen Menschen die Dinge zuzufliegen scheinen. Genau durch das bewusste Loslassen kann sich Positives überhaupt erst ereignen.

Oftmals sind wir voller Ungeduld und vor allem im Handlungsmodus aktiv. Loslassen scheint dem Abgeben oder Verlieren von Kontrolle gleich zu kommen und ist teilweise in unserer Welt abhandengekommen. Wenn wir diese Erkenntnisse auf unser Privat- und Berufsleben übertragen, hiesse dies: an den Stellen, an denen wir (scheinbar) nicht weiterkommen, gelassener sein, eine positive Haltung einnehmen, Dinge geschehen lassen und akzeptieren, dass wir nicht immer alles kontrollieren können. Uns im Beobachten dessen üben, was uns durch den Kopf geht, ohne dies zu werten. Und in dieser Zeit, in der wir loslassen und uns nicht weiter festbeissen, das Unerwartete geschehen zu lassen und einfach darauf zu vertrauen, dass das, was wir uns wünschen, zu uns finden möge.

Wir wünschen Ihnen eine wunderbar achtsame Woche voller Akzeptanz,
Ihr Manres Team

(1) Covey, S. R. (2013) The seven habits of highly effective people. Power lessons in personal change. New York: Simon & Schuster.
(2) Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84, 191-215.
(3) Kabat-Zinn, J. & Kappen, H. (2011) Gesund durch Meditation: Das vollständige Grundlagenwerk zu MBSR.  München: Droemer & Knaur.
(4) Hayes, S.C., Strosahl, K.D. & Wilson, K.G. (2014). Akzeptanz- & Commitment-Therapie. Achtsamkeitsbasierte Veränderungen in Theorie und Praxis. Paderborn: Junfermann.